10 Thesen zur schulischen Inklusion

  1. Die Debatte um das "Ob" der Inklusion ist mit der Ratifizierung
    der UN-Behindertenrechtskonvention beendet. Es geht jetzt um das
    "Wie".
  2. Gemeinsames Lernen kommt allen Kindern zugute.
  3. Das Recht auf Zugang zu einer inklusiven Schule gilt für alle
    Kinder. Die UN-Konvention unterscheidet nicht nach Art oder Schwere
    der Behinderung. Zur Zeit lernen in NRW nur 15% der Kinder mit
    Behinderung gemeinsam mit Kindern ohne Behinderung. 85% der Kinder
    besuchen die Förderschule. Dieses Verhältnis muß zumindest umgekehrt
    werden.
  4. Inklusion ist Aufgabe aller Schulen. Es wäre wünschenswert, wenn
    genügend geeignete Schulen sich bereit finden würden, sich zu
    inklusiven Schulen zu entwickeln. Inklusion darf aber nicht an der
    fehlenden Bereitschaft von Schulen scheitern. Die Weigerung einer
    Schule, Kinder mit Behinderung aufzunehmen, ist diskriminierend. Es
    kann sinnvoll sein, sonderpädagogische Förderung an einzelnen
    Schulen zu bündeln. Dabei muss sichergestellt werden, dass alle
    Kinder in erreichbarer Nähe Zugang zu einer geeigneten Schule haben.
  5. Inklusion bedeutet NICHT, Kinder mit Behinderung einfach nur in
    die Regelschule zu setzen. Die UN-Konvention verlangt für Kinder
    mit Behinderung "wirksame individuell angepasste
    Unterstützungsmaßnahmen". Damit können alle Kinder in einer
    inklusiven Schule die für sie beste Bildung und Unterstützung
    erhalten. Es muß sicher gestellt werden, dass in der inklusiven
    Schule die notwendigen finanziellen und personellen Recourcen
    bereitgestellt werden. Inklusion darf nicht für Einsparungen
    mißbraucht werden.
  6. Schulen brauchen Unterstützung bei der Umsetzung der Inklusion.
    Dazu gehört neben einer angemessenen finanziellen und personellen
    Ausstattung vor allem eine gute Weiterbildung der Lehrer.
  7. Förderschulen müssen aufgrund der Inklusion nicht geschlossen
    werden. Es kann sinnvoll sein, Förderschulen in inklusive Schulen
    umzuwandeln, die sich für Regelkinder öffenen. Dafür gibt es
    erfolgreiche Beispiele.
  8. Kindern dürfen nicht zwangsweise und gegen den Willen Ihrer Eltern
    in Förderschulen eingewiesen werden.
  9. Ein Wahlrecht der Eltern zwischen inklusiver Schule und
    Förderschule würde die Beibehaltung des bestehenden
    Förderschulsystems bedeuten. Das ist mit erheblichen zusätzlichen
    Kosten verbunden. Die Verantwortlichen müssen sich fragen, ob sie
    diese Kosten dauerhaft aufbringen können und wollen. Die
    UN-Konvention enthält kein Recht auf die Förderschule. Das Recht auf
    Zugang zu einem inklusiven Schulsystem hat hingegen den Charakter
    eines Menschenrechts.
  10. Alle staatlichen Ebenen, auch Kommunen und Kreise, haben die
    Pflicht, jetzt mit der Umsetzung der Konvention, insbesondere mit
    der Umgestaltung des Schulsystems in ein inklusives zu beginnen.
    Dass die Umsetzung der UN-Konvention Zeit braucht, ist kein Grund,
    nicht umgehend damit zu beginnen. Planungen vor Ort ohne Beachtung
    der UN-Konvention darf es nicht geben. Betroffene müssen dabei in die
    Planung mit einbezogen werden. Die Forderung: "Nicht ohne uns über
    uns" muß Gültigkeit haben.

Michael Baumeister